Nie wieder ist jetzt!

Auf den Spuren nationalsozialistischer Verbrechen in Prag, Theresienstadt und Auschwitz 2026

Aktiv erinnern, Verantwortung übernehmen, Originalschauplätze erschließen und sich intensiv mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandersetzen – das sind die zentralen Anliegen unserer mittlerweile vierten freiwilligen Bildungsfahrt nach Prag, Theresienstadt und Auschwitz. Vom 22. bis 26. Juni 2026 machten sich Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 9 und 11 erneut auf den Weg, um Geschichte an authentischen Orten zu erfahren und die gewonnenen Erkenntnisse weiterzutragen.

Das große Interesse an der Teilnahme zeigt, wie wichtig diese Fahrt für unsere Schulgemeinschaft geworden ist. Mehr als doppelt so viele Schülerinnen und Schüler hätten mitfahren wollen, wie Plätze zur Verfügung standen. Besonders der seit 2025 hinzugekommene Lernort Auschwitz hat die inhaltliche Konzeption der Fahrt erweitert und ihre Bedeutung noch einmal verstärkt.

In fünf thematischen Erzählebenen näherten sich die Teilnehmenden den Verbrechen der Nationalsozialisten: über Deportationswege von Leipzig und Prag nach Theresienstadt und Auschwitz, über persönliche Schicksale aus dem Umfeld des DFC Prag, über den Widerstand gegen das NS-Regime, über Beispiele von Menschlichkeit und Zivilcourage sowie über den künstlerischen Umgang mit Erinnerung und Gedenken.

Konkret begann unsere diesjährige Reise am Montag, den 22.06.2026 am Museumsgleis 24 des Hauptbahnhofes Leipzig am Deportationsdenkmal für die Leipziger Jüdinnen und Juden vom Leipziger Künstler Roland Steckel, um gleich zu Beginn zu verdeutlichen, dass die Verbrechen an all denjenigen, die nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten passten, nicht weit weg geschahen, sondern auch direkt vor der eigenen Haustür und Heimatstadt stattfanden. Zudem durchliefen all jene Menschen die Stationen, welche wir die nächsten Tage am Beispiel Theresienstadt und Auschwitz, besuchen würden.

Nach der Einordnung dieses Erinnerungsortes stiegen wir in den Flixbus nach Prag und erreichten die geschichtsträchtige Stadt am frühen Mittag. Nach dem Check-In im Hotel trafen wir uns sogleich mit unserem Guide Dr. Thomas Oellermann von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag. Mit ihm begaben wir uns bei hochsommerlichen Temperaturen auf Spurensuche nach Schicksalen von Sportlern des DFC-Prag und Personen aus dem Vereinsumfeld, um den Jugendlichen als Einstieg persönliche Schicksale näherzubringen.

Nach einem Gang durch das ehemalige jüdische Viertel Prags, der Josefstadt, u.a. mit der Pinkas-Synagoge, suchten wir den historischen Sammelort, den „ehemaligen Radiomarkt“ im Stadtteil Holešovice auf, an welchem heute nur noch eine Gedenktafel von der Theresienstadt Überlebenden und Künstlerin Helga Hošková-Weissová erinnert, um im Anschluss unweit davon den Bahnhof Bubny zu besuchen. Der damalige zentrale Ort für die Abtransporte nach Theresienstadt wird aktuell zu einem Dokumentationszentrum nationalsozialistischer Verbrechen in Prag umgebaut, was die Bedeutung dieses Ortes unterstreicht.

Vor jenem reckt sich seit 2015 eine Skulptur von Aleš Veselý in die Höhe, ein 20 Meter langes Eisenbahngleis mit dem Titel „Tor ohne Wiederkehr“ (The Gate of No Return), womit an das Schicksal der fast 50.000 Prager Jüdinnen und Juden erinnert wird, die von Bubny aus in ihr Martyrium verbracht wurden. Außerdem besuchten wir eine sich in unmittelbarer Nähe befindliche Bahnunterführung, welche von Schülerinnen und Schülern eines Prager Gymnasiums gestaltet wurde, um an den selbstlosen Retter von 669 Kindern kurz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Prag 1939 zu erinnern, Sir Nicholas Winton. Die wahre Geschichte wurde unlängst im bewegenden Film „One Life“ mit Antony Hopkins in der Hauptrolle als Nicholas Winton verfilmt.

Danach kehrten wir auf die Erzählebene des DFC-Prag zurück und besuchten den Ort der historischen Spielstätte auf der Prager Letná-Ebene, welche heute größtenteils mit dem Landwirtschaftsmuseum überbaut ist, um von dort aus schließlich den Lost Place Prags überhaupt, das Strahov Stadion zu besuchen. Es gilt mit einem Innenfeld von der Größe von neun Fußballfeldern und Tribünen mit Platz für über 250.000 Menschen als größtes Stadion der Welt. Das Strahov Stadion wurde auch von den Nationalsozialisten für Aufmärsche und Paraden genutzt, beispielsweise zum 50. Geburtstag Adolf Hitlers und zeigt allein schon architektonisch eindrucksvoll die Wirkung von Massenversammlungsorten und damit verbundene Möglichkeiten – positiv wie negativ.

Schließlich ging es über den Petřínhügel zu Fuß zurück Richtung Prager Innenstadt vorbei an der Deutschen Botschaft mit einem kleinen Exkurs zur Geschichte der Friedlichen Revolution (Stichwort „Genscherbalkon“), vorbei an der Prager Burg mit einem weiteren kleinen Exkurs zu den „Prager Fensterstürzen“, über die Karlsbrücke, dem Krönungweg der Böhmischen Könige, bis in die Altstadt, wo unser erster Tag bei einem gemeinsamen Abendessen und anschließender Rückkehr ins Hotel endete.

Der nächste Morgen begann mit einem Fußweg Richtung Prager Hauptbahnhof entlang des berühmten Wenzelplatzes, dem Nationalmuseum und einem Zwischenstopp am Palais Petschek, welches zur Zeit der Nationalsozialisten zur Gestapo Zentrale mit seinen berüchtigten Folterkellern avancierte, in welchem u.a. auch die Verhöre auf der Suche nach den Attentätern Reinhard Heydrichs stattfanden. Heute erinnert hier nur noch eine Gedenktafel an jene Zeit. Angekommen im Hauptbahnhof suchten wir als nächstes das „Abschiedsdenkmal“ (Farewell Memorial) von Jan Hunat unterhalb der großen Haupthalle und anschließend das Denkmal „Für das Kind“ (For the Child/Pro dítě) von Flor Kent auf Gleis 1 auf, von welchem aus die „Wintons Züge“ Richtung England abfuhren.

Nach diesem ersten Programmpunkt stiegen wir pünktlich in den Zug Richtung Bohušovice nad Ohří ein. Der etwa eine Stunde Fahrtzeit von Prag entfernte Ort war zu Beginn der Deportationen ein erster Zwischenstopp für die Jüdinnen und Juden aus Prag, welche von dort aus die etwa 3,5 km nach Theresienstadt zu Fuß weiterlaufen mussten. Da dieses Vorgehen jedoch nicht lange unbeobachtet bliebt und unter der dortigen Bevölkerung Fragen aufwarf, entschieden sich die Nationalsozialisten nach kurzer Zeit, einen direkten Gleisanschluss bis nach Theresienstadt zu errichten, welcher heute stillgelegt ist.

Angekommen am Bauschowitzer Bahnhof, wie Bohušovice nad Ohří (Bauschowitz an der Eger) früher hieß, trafen wir uns mit unserem zweiten Guide Lukáš Lev. Mit ihm gemeinsam gingen wir den Weg, den damals zunächst auch die Jüdinnen und Juden Richtung Theresienstadt gehen mussten, vorbei an Stolpersteinen, einem Friedhof auf welchem eine Zeit lang Gavrilo Princip (Attentäter von Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie) ruhte, hin zum jüdischen Friedhof mit Einblicken in den jüdischen Glauben, hinein in das ehemalige Krematorium, in welchem die Leichen aus dem Ghetto Theresienstadt verbrannt wurden, vorbei an der beeindruckenden Gedenkskulptur „Unumkehrbarkeit des Gesetzes“ (The Irreversible Law) von Aleš Veselý bis zum Eingang in die ehemalige österreichisch-ungarische Wehranlage zum Schutze vor den Preußen, zu welchem Zweck Theresienstadt lange vor den Nationalsozialisten ursprünglich errichtet worden war.

Hier schauten wir uns in einem Seitenraum der Hauptmauer zunächst Gedenktafeln für die Opfer des Holocaust aus der ganzen Welt an und fanden auch jene der Stadt Leipzig, welche an die Opfer erinnert, die aus Leipzig deportiert wurden, womit wir sogleich einen Rückbezug zum Leipziger Deportationsdenkmal vom Beginn unserer Reise herstellen konnten.

Als Nächstes zeigte uns Lukáš Lev ein Regal mit unscheinbaren Pappkartons. In Kartons dieser Art wurde die Asche von über 30.000 Todesopfern des Ghettos Theresienstadt gesammelt und vor dem Eintreffen der Roten Armee von den Nationalsozialisten hektisch in die Eger entleert, um Spuren zu vertuschen. Anschließend besichtigten wir einen Raum, in welchem die Jüdinnen und Juden des Ghettos versuchten, ihre verstorbenen Angehörigen vor dem Krematorium mit einer Abfolge an Ritualen, wie dem Waschen, eine letzte Ehre und vor allem Menschlichkeit zu erweisen, sofern dies möglich war.

Darauf besuchten wir die improvisierte Synagoge, die erst 40 Jahre nach Kriegsende und dem Niedergang der Sowjetunion von einem Theresienstädter Bewohner der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und einer sich darüber befindlichen rekonstruierten Ghetto-Musterwohnung, welche einen Eindruck von den Lebensumständen von einst vermitteln soll. Nach so viel Input bedurfte es einer Mittagspause, die unsere Schülerinnen und Schüler dankend annahmen.

Gestärkt und mit neuer Kraft besuchten wir anschließend das Ghetto Museum, um einen kurzen Überblicksfilm über das Ghetto Theresienstadt und die Kleine Festung anzuschauen. In jenem ging es auch um die Propaganda-Maßnahmen, welche die Nationalsozialisten damals ergriffen, um das Internationale Rote Kreuz bei ihrem Besuch des Ghettos zu täuschen. So sollte Theresienstadt 1942 den Anschein erwecken, dass es ein lebenswerter Ort sei und niemand von hier weiter (in Richtung der Todeslager) fahren müsse. Die aufwändige Inszenierung gelang zwar, änderte aber nichts an der eigentlichen Realität für all die Leidtragenden vor Ort. Für die verschiedenen Erzählebenen unserer Fahrt bot der Film wiederum die Möglichkeit, eine Verbindung zum DFC-Prag herzustellen. Denn in Bezug auf Fußball gab es in Theresienstadt eine große Besonderheit, die so genannte „Ghetto Liga“. In jener spielten auch deportierte DFC-Spieler wie Paul Mahrer und versuchten während des Spielens für einen kurzen Moment dem Alltag und der ständigen Angst und Ungewissheit im Ghetto zu entfliehen. Viele Spieler, die im besagten Propagandafilm der Nationalsozialisten im Innenhof der Dresdner Kaserne zu sehen waren, überlebten das Kriegsende jedoch nicht und verstarben entweder in Theresienstadt selbst oder in einem der darauffolgenden Vernichtungslager wie Auschwitz.

Ein Höhepunkt unserer Tagesexkursion bot zum wiederholten Male der Live-Video-Call mit Inge Auerbacher nach New York. Inge Auerbacher, auch bekannt aus ihrer eindrücklichen Bundestagsrede aus dem Jahr 2022 zum Holocaustgedenktag, wurde als Kind von Stuttgart nach Theresienstadt deportiert und überlebte das Ghetto. Sie ist eine der wenigen Menschen, die heute öffentlich über diese Zeit als Zeitzeugin spricht und vor allem ein ganz großes Herz für Kinder und Jugendliche hat. Die Chance, mit ihr ins Gespräch zu kommen, ist daher jedes Jahr wieder ein ganz besonderer Moment. Ein ganz besonderer Dank gilt deshalb auch Lukáš Lev, ohne den wir diese Möglichkeit nicht hätten. Wir hoffen, dass Inge Auerbacher, mittlerweile 91 Jahre alt, gesundheitlich noch lang in der Lage sein wird, mit uns auf den kommenden Bildungsfahrten ins Gespräch zu kommen.

Ein von Lukáš Lev zufällig in einem der Häuser des ehemaligen Ghettos entdeckter Dachboden mit Innenschriften von internierten Juden konnten wir dieses Jahr leider nicht besichtigen; unsere Gruppe hatte aber zumindest die Möglichkeit, das einmalige Relikt in einem kurzen Videobeitrag zu sehen. Die letzte gemeinsame Station mit unserem Guide Lukáš Lev war die Magdeburger Kaserne. Hier erfuhren wir mehr über Theresienstadt aus dem Gedicht „Als ob“ von Leo Strauss und konnten in den weiteren Ausstellungsräumen nochmals einen Einblick in die Lebensumstände im Ghetto gewinnen.

Danach machten wir uns auf den Weg zur Kleinen Festung. Vor den Eingangsmauern erstreckte sich vor unserer Gruppe zunächst das riesige Gräberfeld des Nationalfriedhofs von Theresienstadt mit über 10.000 politischen Opfern, an dessen Ende mahnend eine weitere Skulptur von Aleš Veselý, ein Davidstern (Star of David Monument) aus Eisenbahnschienen wacht.

Die Kleine Festung diente den Nationalsozialisten unter Leitung von Heinrich Jöckel von 1940 bis 1945 als Gestapo-Gefängnis für politische Häftlinge, die unter KZ-ähnlichen Umständen in menschenfeindlichen Bedingungen untergebracht wurden und die Haft vielfach nicht überlebten. Gemeinsam schauten wir uns die Unterbringung der Häftlinge mit den bekannten mehrstöckigen Holzbetten, Massenzellen, Dunkelzellen zur Einzelhaft, Waschräumen zur Entlausung und auch eine Rasierstube an, die für einen möglichen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) ebenso zur Täuschung eingerichtet worden war, in der Realität von den Häftlingen jedoch nie genutzt wurde. Da die Täuschung bereits im Ghetto perfekt gelang, kam das IRK letztlich nicht in die Kleine Festung. Nach einem Exkurs zum berühmtesten ehemaligen Häftling Gavrilo Princip, der hier lange vor der Nutzung der Kleine Festung durch die Nationalsozialisten nach seinem Attentat auf das östereichisch-ungarische Thronfolgepaar, dem Zündfunken für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, inhaftiert war, begaben wir uns in einen über 500 Meter langen Wehrgang und gelangten so zum originalen Erschießungs- und Galgenplatz der Kleinen Festung und einem unmittelbar daneben gelegenen Massengrab mit über 600 Opfern. Dass sich der Lagerkommandant Jöckel direkt dahinter einen Swimmingpool für seine Kinder errichten ließ, während hinter einer Mauer weiter Menschen erschossen und erhangen wurden, ließ uns sprachlos und schockiert zurück. Mit einem abschließenden Gang durch einen Hof mit mehreren Massenzellen für je über 650 Häftlinge verließen wir schließlich die Kleine Festung und liefen zu Fuß zurück zum Bahnhof Bohušovice nad Ohří. Nach der Rückkehr nach Prag endete bei einem gemeinsamen Abendessen ein weiterer intensiver Tag.

Am nächsten Morgen hieß es zunächst Check-Out und die gepackten Koffer nach dem Frühstück in einem separaten Raum des Hotels abzustellen, da der Mittwoch mittlerweile unser zweigeteilter Tag zwischen Programm und Transfer nach Auschwitz darstellt. Direkt neben unserem Hotel am unteren Ende des Wenzelplatzes befindet sich das bekannte Schuhgeschäft „Bata“, welches uns sogleich den Einstieg in das Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Beispiel der „Heydrichiade“ ermöglichte. Denn in den Schaufenstern jenes Geschäftes wurden Ende Mai 1942 unmittelbar nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich Beweismittel wie das Fluchtfahrrad und eine „Sten-Gun“ (englische Maschinenpistole) der Attentäter Jozef Gabčik und Jan Kubiš ausgestellt und dazu aufgerufen, jeglichen sachdienlichen Hinweis zur Ergreifung der Attentäter unverzüglich an die Gestapo zu melden.

Damit waren wir direkt im Geschehen der so genannten „Operation Anthropoid“, einer Geheimoperation der tschechisch-slowakischen Soldaten Gabčik und Kubiš, die sich ausgehend vom englischen Exil auf ihren Einsatz vorbereiteten und schließlich mit Unterstützung weiterer Fallschirmjäger, namentlich Josef Bublík und Jan Hrubý (Operation Bioscop), Josef Valčík (Operation Silver A) sowie Adolf Opálka und Karel Čurda (Operation Out Distance), die sich bereits vor ihnen in Prag und Umgebung befanden, in der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember 1941 mit dem Fallschirm über dem besetzen Protektorat absprangen. Ihr Ziel leicht verfehlend und östlich von Prag landend, mussten sich die beiden zunächst nach Prag „durchschlagen“, bevor sie sich in den „sicheren Häusern“ von beispielsweise Familie Moravec und Fafek auf einen passenden Ort und Moment zur Erfüllung ihrer Mission vorbereiten konnten.

Im Stadtteil Libeň in einer Haarnadelkurve fanden sie schließlich den passenden Ort und lauerten am Morgen des 27. Mai 1942 dem stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich auf. Als jener nach über einstündiger Verspätung schließlich die Kurve im offenen Wagen mit geringer Geschwindigkeit passierte, eröffnete Gabčik mit der „Sten-Gun“ das Feuer. Doch nichts passierte – Ladehemmung. Dadurch trat als nächstes Kubiš auf den Plan und warf eine Handgranate Richtung Heydrich. Diese explodierte am hinteren Radkasten und trieb etliche Metallsplitter durch die mit Rosshaar gepolsterte Rückwand in Heydrichs unteren Rücken und auch Kubiš traf ein Splitter am Kopf, der sofort für eine stark blutende Wunde sorgte. Ob der Späher Josef Valčík ebenfalls vor Ort war, ist hingegen bis heute nicht mit Sicherheit zu sagen.

Anschließend begann nach einer Schießerei zwischen Heydrich, seinem Fahrer Johannes Klein und den beiden Attentätern eine wilde Verfolgungsjagd bei der Gabčik und Kubiš zunächst erfolgreich fliehen konnten.

Den Attentatsort – die Haarnadelkurve – besuchten wir somit als Nächstes, um die Geschehnisse noch besser nachzuvollziehen. Die Straßenführung ist hier bedingt durch die Stadtautobahn nicht mehr in Gänze gegeben, der Ort der originalen Kurve aber noch zugänglich. Hier befindet sich heute ein beeindruckendes Nationaldenkmal von David Moješčík zur „Operation Anthropoid“ für die Helden der „Heydrichiade“. Auf einer Stehle in dreieckiger Form (in Anlehnung an die tschechische Flagge) sind drei Personen auf deren oberen Rändern zu sehen. Diese sind bedrohlich nach vorne geneigt und symbolisieren die Lebensgefahr, der sich die Widerstandskämpfer Gabčik und Kubiš sowie deren Helferinnen und Helfern aus der Zivilgesellschaft (dafür steht die dritte Person) aussetzten, um Heydrich auszuschalten. Die ausgestreckte Arm- und Beinhaltung der Personen ist letztlich eine Anlehnung an Leonardo da Vincis Anthropometrie, von der auch der Name „Operation Anthropoid“ abgeleitet wurde. 

Am historischen Ort berichteten wir über den weiteren Verlauf des Attentatstages. Während Johannes Klein erfolglos versuchte, die Attentäter zu fassen, brach Heydrich am Attentatsort zusammen und wurde ins Krankenhaus verbracht. Sofort überrollte eine unvorstellbare Fahndungswelle mit zehntausendfachen Hausdurchsuchungen ganz Prag, um die Attentäter zu finden, ohne Erfolg. Als Vergeltung machten die Nationalsozialisten die angeblichen Aufenthaltsorte, die kleinen Ortschaften Lidice und Ležáky vor den Toren Prags dem Erdboden gleich, aber von Gabčik und Kubiš fehlte jede Spur. Erst mit der Ausrufung von heute umgerechnet fast einer Million Euro für einen Hinweis, der zu ihrer Ergreifung führe, verriet Karel Čurda der Gestapo die „sicheren Häuser“, womit das Schicksal seinen Lauf nahm.

Die Gestapo fand die Familie Moravec. Frau Moravec nahm sich sofort das Leben, ihr Kopf wurde ihrem Sohn Ata Moravec vorgelegt, nachdem dieser einer brutalen Folter in den Kellern des Palais Petschek standgehalten hatte. Psychisch von diesem Anblick gebrochen, verriet er letztlich das Versteck der sieben Fallschirmspringer – die Krypta der Kirche St. Cyrill und Method.

Am 18. Juni 1942, Heydrich war bereits am 4. Juni an einer Sepsis durch die erwähnten Rosshaare trotz Not-OP verstorben, umstellte die Gestapo in den frühen Morgenstunden die Kirche mit hunderten SS-Männern. Dennoch sollten sie fast sieben Stunden benötigen, um die erbittert kämpfenden Fallschirmjäger zu stellen. Offiziell verloren dabei keine SS-Angehörigen ihr Leben, es wird aber aufgrund der Schwere der Kämpfe von 14 bis 21 Toten ausgegangen. Auf der Empore der Kirche verloren zudem Kubiš, Bublik und Opalka im Kampf ihr Leben, während die sich in der Krypta verschanzten Fallschirmjäger Gabčik, Valčík, Hrubý und Jaroslav Švarc (Operation Tin) kurz vor der Erstürmung mit ihren letzten Patronen den Freitod wählten, um den Nationalsozialisten nicht in die Hände zu fallen.

Diesen Schicksalsort besuchten wir somit abschließend, nachdem wir mit der Straßenbahn zurück ins Stadtzentrum gefahren waren. Vor Ort erhielten wir spontan eine kurze Führung, nachdem eine Mitarbeiterin bemerkt hatte, aus welchen Gründen wir die Krypta besuchten. Unsere Schülerinnen und Schüler hatten zudem im Vorfeld die Empfehlung erhalten, sich den Film „Anthropoid“ aus dem Jahr 2016 anzuschauen, der die Ereignisse relativ realistisch darstellt.

Nach diesem letzten geschichtsträchtigen Ort, dem nationalen Gedenkort für die Helden der „Heydrichiade“ in Tschechien, stärkten wir uns für unsere fünfstündige Zugfahrt nach Auschwitz bei einem letzten Mittagessen in Prag. Danach holten wir nur die Koffer im Hotel und begaben uns zum Prager Hauptbahnhof, wo wir schließlich in den Zug Richtung Oświęcim (Auschwitz) in Polen stiegen. Mit etwas Verspätung erreichten wir in den Abendstunden unser Hotel. Vor der Nachruhe bereiteten wir die Gruppe noch auf den Folgetag vor, der zu einem der intensivsten unserer Reise werden würde. Auschwitz ist anders, ein unbeschreiblicher Ort, der etwas mit einem macht und Spuren hinterlässt.

Auschwitz ist der Ort, an dem mit über 1 bis 1,5 Millionen Opfern eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurde. Ihn zu besuchen bedarf also einer gewissen Vorbereitung. So hatten wir uns die letzten Tage Schritt für Schritt mit unseren Programmpunkten an diesen Ort angenähert und jetzt waren wir da, bereit ihn uns zusammen mit Lukáš Lev anzuschauen. Unser Guide aus Theresienstadt war ebenso extra für uns nach Auschwitz gereist, um uns auch hier durch das Stammlager Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) zu begleiten.

Von unserem Hotel aus begaben wir uns entlang der Hauptmauer des Stammlagers Richtung Eingang. Dabei kamen wir auch am Haus von Lagerkommandant Rudolf Höß vorbei, welches spätestens seit dem Film „The Zone of Interest“ aus dem Jahr 2023 eine größere Bekanntheit erlangte, auch wenn für den Film ein Haus einige hundert Meter weiter genutzt wurde. Angekommen am Eingang machte uns bereits die an Flughäfen erinnernde Sicherheitskontrolle deutlich, dass es sich nicht um einen „normalen Ort“ handelt. Auch der Hinweis von Lukáš Lev, dass der Raum, in welchem wir die Kopfhörer und Audiogeräte erhielten, in Form und Größe originalgetreu einer der Gaskammern in Auschwitz-Birkenau nachempfunden sei, sorgte bei den Ersten direkt für eine Gänsehaut. Mit dem Durchqueren einer Art Schleuse, in welcher ununterbrochen die Namen der Opfer verlesen werden, betraten wir schließlich das Gelände.

An einem Modell verschafften wir uns zunächst einen Eindruck davon, welch unglaubliche Dimensionen das Lager eigentlich hatte, das Stammlager – eine ursprünglich im 19. Jahrhundert für das österreichische Militär errichtete Kaserne – misst allein schon sieben Hektar, Auschwitz-Birkenau ganze 120 Hektar. Das gesamte „Interessengebiet des KZ Auschwitz“ (Sperrgebiet) umfasst ca. 40 Quadratkilometer. Zahlen, die beeindruckend und verstörend zugleich wirken, wenn man um die Aufgabe dieses Ortes im System der Nationalsozialisten weiß.

Anschließend schauten wir den neuen Einstiegsfilm im Kinosaal vor dem Lagereingangsbereich, welcher die Fotos des sogenannten „Auschwitz-Albums“ zeigt, die von Bernhard Walter, Leiter des Erkennungsdienstes im Lager und seinem Stellvertreter Ernst Hofmann angefertigt wurden. In einer Gegenüberstellung von Originalfotos mit dem originalen Ort der Aufnahme heute entstand sofort eine bedrückende Atmosphäre, zumal wir diese Orte im Verlaufe des Tages noch aufsuchen würden.

Zurück an der frischen Luft begaben wir uns nun durch das bekannte Lagertor mit dem eisernen Schriftzug „Arbeit macht frei“, ein an Zynismus nicht zu überbietender Ausspruch, welchen die Häftlinge damals täglich bei ihrer Rückkehr vom Arbeitseinsatz lesen mussten.

Um die Besucherströme in den Ausstellungsräumen des Lagers besser lenken zu können, sind die Besichtigungspunkte größtenteils vorgegeben. Unsere Gruppenakkreditierung war für acht Stunden gültig, sodass wir uns in den einzelnen Häusern jedoch mehr Zeit nehmen konnten und im Gegensatz zu anderen Gruppen diesen historischen Ort nicht im „Schnelldurchlauf“ besichtigen mussten. Behutsam bewegten wir uns von Haus zu Haus, in denen die Inhalte immer belastender wurden. Am unangenehmsten sind dabei auch für uns als begleitende Lehrkräfte immer wieder die Räume, in denen hinter Glas über 40.000 Haarzöpfe zu sehen sind, was in Bezug auf die fabrikmäßige Vernichtung von Menschen gerade mal die Opferzahl von wenigen Tagen bedeutete. Auch zehntausende Paar Schuhe, tausende Kinderschuhe, hunderte Prothesen, unzählige Koffer, Brillen und weitere Alltagsgegenstände hinter Glas zeigen eindrücklich die unvorstellbaren Opferzahlen. Die „Todeswand“ zwischen Block 10 und 11 ist ein weiterer Ort, den wir mit viel Unbehagen passierten.

Schließlich erreichten wir eine Ausstellung, die ein Buch mit über vier Millionen bekannten Opfernamen beherbergt. Allein das Buch ist in seiner Dimension unbeschreiblich, liest man darin findet man teilweise über mehrere Seiten lang die gleichen Familiennamen, was unsere Schülerinnen und Schüler nachhaltig beeindruckte. Nach dem anschließenden Überqueren des Appellplatzes erreichten wir schließlich die noch vollständig intakte Gaskammer Eins. Durch sie hindurchzulaufen, mit dem Wissen, was darin geschah, lässt einen direkt erschaudern. Vorbei an den Verbrennungsöfen wollten wir diesen Ort schnellstmöglich wieder verlassen.

Danach brauchten wir tatsächlich eine Pause. Ein echtes Mittagessen wurde es bei den Wenigstens, aber trotz des Gesehenen mussten wir eine kleine Stärkung für die nächsten Stunden zu uns nehmen. Wir fuhren anschließend mit dem Shuttlebus zum etwa 4 km vom Stammlager entfernten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Schon aus der Ferne erkennt man das Haupttor und die kilometerlangen Stacheldrahtzäune, nur unterbrochen von in gleichförmigen Abstand angeordneten Wachtürmen. Eine schon fast surreale Szenerie, tatsächlich an diesem Ort angelangt zu sein.

Bei sengender Hitze begaben wir uns schließlich auf das Gelände. Vorbei an der berüchtigten „Rampe“, auf welcher die Nationalsozialisten per Fingerzeit über zunächst Weiterleben oder sofortigen Tod durch Vergasung entschieden, gingen wir in einige rekonstruierte Holzbaracken mit den bekannten Mehrstockbetten, in welchen uns Lukáš Lev mehr über die Lebensumstände und Überlebensdauer der Häftlinge erzählte. Die meisten Häftlinge, die nicht sofort in die Gaskammern kamen, überlebten aufgrund der katastrophalen Umstände im Lager nicht viel länger als ein bis drei Monate.

Dem brennenden Sonnenschein entfliehend begaben wir uns als Nächstes in den mit Bäumen bewachsen Bereich der ehemaligen Gaskammern Vier und Fünf. Erstere wurde von den Häftlingen selbst gesprengt, während die anderen vor dem Eintreffen der Roten Armee von der SS zerstört wurden und bis heute in dieser gesprengten Form vor Ort zu sehen sind. Im „Wald“ besuchten wir auch den Ort, an dem die einzigen Fotoaufnahmen von der Verbrennung von Leichen vor einer der Gaskammern aufgenommen wurden. Ein Häftling hatte eine Kamera gefunden und eilig Fotos gemacht, um zu dokumentieren, was in Auschwitz geschah. Ein paar dieser Bilder blieben erhalten und beweisen heute ebenso die Verbrechen der Nationalsozialisten.

Schließlich durchquerten wir den Lagerbereich „Canada“, in dessen Baracken die Habseligkeiten der täglich ankommenden Menschen nach der Selektion gesammelt und nach Wertgegenständen durchsucht wurden. Auch wenn diese Gebäude heute nicht mehr stehen, finden Besucher immer noch besonders an Regentagen kleine Gegenstände, die vom Erdreich freigegeben werden. Diese Dinge – bspw. Löffel, Knöpfe oder Scherben, werden hier an einem zentralen Ort unter Glas gesammelt. Unmittelbar daneben befindet sich die „Sauna“, in welcher die Häftlinge und ihre Kleidung desinfiziert wurden. Hierin befindet sich heute auch eine beeindruckende Ausstellung mit vielen Privatfotos von Opfern. Schließlich erreichten wir das Ende der „Rampe“ zwischen den gesprengten Gaskammern Zwei und Drei. Hier befinden sich heute Gedenktafeln in diversen Sprachen und ein Mahnmal mit u.a. über einer Million Pflastersteinen, die an die unglaubliche Masse an Opfern erinnern.

Abschließend bewegten wir uns langsam zurück Richtung Haupttor, den umgekehrten Weg, den die Häftlinge damals von der „Rampe“ direkt ins Gas gingen, was einem einen weiteren Schauer über den Rücken laufen ließ. Den Bereich des Frauenlagers und die Kinderbaracken konnten wir lediglich von Weitem sehen, da sie aufgrund von Baumaßnahmen aktuell nicht zur Besichtigung freigegeben sind. Nach über sieben Stunden und hochsommerlichen Temperaturen hatten wir jedoch auch so genug gesehen und waren ein stückweit froh, immer weiterer herausfordernder Bilder entfliehen zu können.     

Körperlich und mental erschöpft fanden wir uns schließlich gemeinsam zu einem frühen Abendessen in einem Restaurant ein. In ersten Gesprächen verarbeitete jeder auf seine Weise das Erlebte. Da man nach solch einem Tag aber nicht einfach so auseinandergehen kann, trafen wir uns zu einer abschließenden Reflexionsrunde, in welcher jeder noch einmal seine Gedanken zum Tag und zur gesamten Fahrt äußern konnte. Neben persönlichen Schilderungen des Erlebten erhielten wir als Organisatoren auch ein sehr wertschätzendes Feedback für die Fahrt insgesamt und auch Lukáš Lev, der sich zu unserer Reflexionsrunde dazugesetzt hatte, verdeutlichte unserer Gruppe nochmal eindrücklich die Besonderheit dieser Reise, welche wir seit Montag gemeinsam bestritten.

Mit unglaublich vielen Eindrücken und so schnell nicht zu vergessenden Erlebnissen hieß es am Freitag schließlich den Heimweg anzutreten und sich nach dem Frühstück und Check-Out vom Hotel gemeinsam auf die Reise nach Leipzig zu begeben. Auf der mehrstündigen Zugfahrt bot sich jedem individuell Raum, das Erlebte noch einmal für sich oder mit anderen zu reflektieren und sich auf eine Rückkehr in die Gegenwart nach so viel Geschichte vorzubereiten. Die hochsommerlichen Temperaturen im Zug von am Ende über 45 Grad erschwerten diesen Übergang zwar spürbar, aber wir gelangten alle wohlauf zurück in Leipzig an und verabschiedeten uns nach einem gemeinsamen Abschlussbild im Bewusstsein, dass diese Reise noch lange nachhallen wird, ins Wochenende.

Danksagung

Wir bedanken uns als Organisatoren bei allen teilnehmenden Schülerinnen und Schülern, die mit uns diesen Weg auf sich nahmen und hoffen, dass diese Bildungsfahrt Spuren für die Zukunft hinterlässt.

Unser Dank gilt ebenso Dr. Thomas Oellermann und Lukáš Lev, die unsere Fahrt von Beginn an begleiten und mit ihrem umfangreichen Wissen jedes Jahr erneut bereichern. Weiterhin gilt unser Dank Inge Auerbacher und ihrer Bereitschaft, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und ihrem Appell, dass sich dieser Teil der Geschichte nicht wiederholen darf.

Außerdem bedanken wir uns ausdrücklich bei der Holger Koppe-Stiftung, der LEIPZIG-Stiftung und der Stiftung für Toleranz und Völkerverständigung, die uns in diesem Jahr finanziell unterstützten und damit maßgeblich dazu betrugen, unseren Gymnasiasten diese Fahrt zu ermöglichen.

Robert Venus
Initiator und Leiter der Bildungsfahrt

Ähnliche Beiträge